Menstruation Makeover

Über die Periode wird heute anders gesprochen. Oder kann man sogar sagen, über die Periode wird heute überhaupt erst gesprochen. Menstruation, Krämpfe, Flecken, Periodenprodukte, Hormonelle- und Stimmungsschwankungen sind offiziell auf der Agenda der Pop-Kultur gelandet. Hier, wo Trends kommen und gehen, wo Themen aufgebauscht und Geschichten erzählt werden, hat die Periode ein neues Image bekommen – ein Menstruation Makeover – sie ist jetzt selbstsicherer, ehrlicher, realistischer und irgendwie freier.

Wem haben wir das zu verdanken? Der Generation Z? Social Media? Neuen revolutionären Periodenprodukten? Oder einer gefährlichen Mischung aus all dem?

Wir haben uns mit jemandem unterhalten, der sich mit all diesen Punkten gut auskennt. 

Sophia Lola – @russendisko

Sophia Lola ist eine junge gebürtige Berliner Schnauze, die kein Blatt vor den Mund nimmt, egal um welches Thema es gerade geht und aktiv auf Instagram, wo sie viel über Frauen, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung spricht.

Liebe Sophia, wie sprichst du über die Periode? Und mit wem?

Sophia: Laut, oft und mit allen, die Bock draufhaben! 

Damit trifft die junge Instagram-Aktivistin genau den Ton der aktuell eine ganze Generation zu einen scheint. Junge Menschen wollen hochwertige, sichere und nachhaltige Alternativen zu Tampons und Binden und es ist ihnen nicht peinlich, darüber zu sprechen. Sie wollen Lösungen gegen Schmerzen, Hilfe und Verständnis anstatt Vorwürfen, und sie scheuen sich nicht danach zu fragen.

Warum glaubst du, ist es wichtig, dass wir das Thema Menstruation in all seinen Fassetten öfter ansprechen? Was können wir mit „darüber reden“ bewirken?

Sophia: Ich denke jede*r von uns erinnert sich an einschneidende Momente im Leben vor allem an die, die mit Scham zu tun haben. Viele davon sind mit der Schulzeit oder der Jugend verknüpft. Aber gerade wir Frauen oder menstruierende Personen erfahren in der Jugend oft viel Scham in Bezug auf unsere Körper und seine Funktionen. 

Tampons kaufen? Peinlich!
Mit einer offen sichtbaren Binde in der Hand durch die Bankreihen in Richtung Schulklo gehen? Unmöglich!
Eine helle Hose an und genau jetzt beginnt die Periode? Der persönliche Albtraum.
Und warum? Weil niemand so richtig darüber spricht, oder gesprochen hat, mal abgesehen vom Sexualkundeunterricht. 

So kritisch ich neue Medien wie Instagram und Co. für Jugendliche sehe, ich persönlich hätte so einen offenen Diskurs über die Periode in meiner Jugend wirklich gebrauchen können. Denn indem wir über sie sprechen, normalisieren wir sie. Und für etwas ganz Normales schämt man sich nicht.

Die Generation Z und folgende Generationen sprechen heute spürbar offener über ihre Periode als frühere Generationen, sie sind in ihrem Denken über Gender und kulturelle Hintergründe deutlich inklusiver und sie achten eher darauf, ob die Produkte, die sie verwenden, ökologisch nachhaltig sind. Das Zusammentreffen dieser neuen Ideale könnte zu einem weitreichenden Wandel im Umgang mit der Menstruation führen. Heute erwachsene Frauen wie Sophia können den Vergleich ziehen. Sie waren früher oft mit Scham konfrontiert und spüren nun die veränderte Stimmung.

Mit wem hast du dein erstes Gespräch über die Periode geführt? Wie war das damals für dich?

Sophia: Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht mehr. Vermutlich mit meiner Mama. Ich erinnere mich aber noch sehr genau an meine allererste Periode und meine schiere Verzweiflung darüber, dass meine Mama nicht in Berlin war und Papa und ich mit dem Thema allein waren. Dass meine Eltern für diesen Tag Vorkehrungen getroffen und ein First-Period-Starter-Kit im Schrank meiner Mutter deponiert hatten, welches an meiner Schule ausgeteilt worden war, wusste ich nicht. Aber ich erinnere mich noch genau daran, dass mir das alles ganz schön peinlich war.

Was hat sich seitdem verändert? Wie fühlt es sich heute an das Thema anzusprechen?

Sophia: Nun hatte ich ganze 13 Jahre Zeit mich mit den Wundern meines Körpers auseinanderzusetzen und die anerzogene Scham wieder abzulegen. Jetzt spreche ich, ohne mit der Wimper zu zucken mit mehreren tausend Menschen auf meinem Instagramkanal @russendisko über dieses Thema. 

Manchmal erwähne ich auch in meinem beruflichen Alltag, dass ich selbst CBD-Öl für Periodenschmerz anwende und an den Reaktionen mancher Kunden merke ich: Oh, außerhalb meiner Bubble ist das ja doch noch ein kleines Tabuthema. 

Trotzdem, heute so offen über die Periode zu sprechen hat etwas unendlich Befreiendes! Irgendwie stärkt das mein Selbstwertgefühl. 

Mit dem Gefühl, den Themen und dem Umgang untereinander hat sich auch der Markt rund um die Menstruation verändert. Es gibt heute mehr Optionen für wiederverwendbare Menstruationsprodukte als je zuvor. Von saugfähiger Unterwäsche, Menstruationstassen, Stoffbinden und -Slipeinlagen bis hin zu Tampons ohne umweltschädliche Zusätze und Applikationen. Zudem gibt es spezielle Produkte für Teenager und junge Erwachsene.

Was meinst du, was haben neue Periodenprodukte damit zu tun? Haben moderne Produkte auch die Agenda verändert?

Sophia: Auf jeden Fall! Ob Menstruationstassen oder Periodenslips, neue Produkte haben auch den Umgang mit der Periode beeinflusst. Dass man statt billiger und umweltschädlicher Wegwerfartikel, hochwertige und im Fall der Höschen auch wirklich schöne Produkte verwenden kann, nimmt der Periode auf eine andere Art und Weise ihr Stigma. 

Laut einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2021 brauchen Menstruationsprodukte aus Einwegplastik etwa 500 Jahre, um sich zu zersetzen. Doch Prognosen geben Hoffnung. Sie sagen voraus, dass der Marktanteil wiederverwendbarer Periodenprodukte in den nächsten zehn Jahren wachsen soll, was vor allem auf die größere Akzeptanz und Verfügbarkeit von nachhaltigen Alternativen in westlichen Ländern zurückzuführen ist. 

Ich glaube es gibt auch bis heute keine wirkliche Erklärung dafür, warum menstruierende Menschen in einigen Teilen der Welt bewundert werden, während sie in anderen geächtet und ausgegrenzt werden. 

Sophia Lola

Die ganze Bewegung ist eine von jungen Menschen angetriebene Entwicklung. Die Generation Z, die sich Studien zufolge mehr für den Klimawandel und Nachhaltigkeit engagieren als frühere Generationen, bringen auch ihren Eltern neue Wege für einen offenen und nachhaltigen Umgang mit dem Monatszyklus bei.

Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und Diversität sind starke Themen, die heute gleichermaßen mit dem Thema Menstruation verbunden sind. Wie wichtig und präsent sind diese Punkte in deinem Leben?

Sophia: Es ist unheimlich interessant, wie verschieden unterschiedliche Kulturen mit dem Thema Menstruation umgehen. Im positiven, wie im negativen Sinne. Ich glaube es gibt auch bis heute keine wirkliche Erklärung dafür, warum menstruierende Menschen in einigen Teilen der Welt bewundert werden, während sie in anderen geächtet und ausgegrenzt werden. 

Dass wir in den Industrieländern inzwischen versuchen auch bei Periodenprodukten auf Nachhaltigkeit zu setzen ist sehr wichtig. Genauso, wichtig ist es Menschen auf der ganzen Welt dabei zu unterstützen dem Stigma der unreinen Periode zu entkommen und jedem Menschen eine hygienische Versorgung mit Periodenprodukten zu gewährleisten. 

Nun ist die Diskussion um Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und Menstruation keine neue. Das Thema taucht immer wieder auf der gesellschaftlichen Trend-Agenda auf. In den 1970er Jahren, experimentierten die Menschen mit Stoffbinden und -schwämmen. Schließlich gab es immer und auch davor schon Menschen, die idealistisch waren, nachdachten und nach Alternativen suchten. Aber leider musste in der Vergangenheit die Nachhaltigkeit immer wieder zugunsten der Bequemlichkeit geopfert werden. Periodenprodukte waren entweder praktisch und sicher oder nachhaltig aber nie beides. Heute sind sie es. Easy in der Anwendung, komfortabel für alle Körpergrößen, zuverlässig im Schutz und nachhaltig in Produktion und Wiederverwendbarkeit. Einziger Kritikpunkt der häufig noch genannt wird: Nachhaltige Periodenprodukte sind häufig nicht für jede*n erschwinglich und demnach nicht inklusiv. Bringen günstige und trotzdem sichere und nachhaltige Produkte erst das endgültige Makeover?

Wagen wir einen Ausblick in die Zukunft: Wie wollen wir in Zukunft über Menstruation sprechen?

Sophia: Ich denke seit längerer Zeit darüber nach, inwiefern oder vielleicht in welchem Rahmen Menschen während ihrer Periode in den Arbeitsalltag eingebunden sein sollten. Ich kann nur über mich sprechen und ich bin in den ersten Tagen meiner Periode teilweise selbst mit Schmerzmittel nicht so ganz auf der Höhe. In manchen asiatischen Ländern kann man zum Beispiel Sonderurlaub während der Periode nehmen. 

Ansonsten sind wir, denke ich, schon auf einem guten Weg. Immerhin müssen sich Mädchen an der Kasse nicht mehr für ihre Menstruationsartikel schämen. Sie können sich trauen in der Klasse laut nach einem Tampon zu fragen. Und vielleicht ist ein Blutfleck einfach nur ein Blutfleck.

Aktivisten geben Sophia recht. Wir sind auf dem Weg. Allerdings fehlen noch einige Schritte bis zum Ziel. Das kulturelle Stigma, das die Menstruation plagt, hält sich hartnäckig, trotz aller Bemühungen junger Menschen, die Periode zu normalisieren. Patriarchalische Tabus rund um Jungfräulichkeit, Reinheit und „Schmutzigkeit“ unterdrücken Gespräche und können die Verwendung interner Menstruationsprodukte wie Tampons oder Tassen verhindern.

Auch Medien und Werbung betonen immer noch weitgehend Diskretion und Sauberkeit in ihren Slogans, was die Periode als schmutzig oder schämenswert dastehen lässt. Gerade die immer noch weit verbreitete Einwegindustrie für Menstruationsprodukte ist in hohem Maße für die Verbreitung und Aufrechterhaltung negativer Tabus verantwortlich.

Schließlich muss auch die körperliche Gesundheit mehr zum schamlosen Thema gemacht werden. Menstruationsgesundheit sollte ein öffentliches Gesundheitsthema und hat kein Geschlecht. Um die Tabus rund um das Thema zu bekämpfen, sollte jeder, auch diejenigen, die nicht menstruieren, in der Lage sein, frei über die Periode zu sprechen. Vor allem unter jungen Menschen, die zum ersten Mal mit dem Thema Periode und allen thematischen Zweigen in Berührung kommen hilft tabulose Aufklärung, um Abgrenzung und Scham vorzubeugen. Erst wenn jeder einen menstruierenden Körper akzeptiert und respektiert und erst wenn jeder an dem Gespräch teilnimmt, dürfen wir behaupten wirklich am Ziel zu sein. Darauf steuern wir zielstrebig zu.

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